Leben in der Bude

Es rappelt wieder im Karton! Wer künftig auf Nullneun zurückblickt, wird im Zusammenhang mit Musik von einem guten Jahrgang sprechen. Seit Januar gab es einige brillante Veröffentlichungen und bis Dezember werden andere folgen. So darf es weiter gehen – ein kurzer Blick voraus.

Nun, die moderne Popkultur bedient sich gerne alter Mythen. Kollektiv verankerte Traditionen, Konventionen und Epen erscheinen passende Anknüpfungspunkte für den Massenerfolg zu sein. Klischees und Stereotypen sind die Ankerpunkten unserer atomisierten Welt. Ruhm, Geld und die Melange aus Sex, Drugs and Rock’n’Roll müssen demnach zwangsläufig den Star, der allein durch dieses Abziehbild erst real wird, zerstören. Genial und infernalisch richtet sich das Idol mit geistigen Getränken, Affären und zu langen Nächten selbst zu Grunde. Nur um der Vorstellung eines Superstars gerecht zu werden. Doch Helden sterben nicht, sondern kehren gereift noch glanzvoller ins Rampenlicht zurück. Die Hybris des Heros führt unweigerlich zur Kartharsis. Auch wenn die wahre Läuterung des ein oder anderen Heroen mehr dem Schicksal des Ikarus‘ gleicht. Sie verglühen, nur um dann noch heller zu strahlen. 09 wird denn auch das Jahr sein, in dem der Pop seinen König verloren hat, der schon lange ohne Land regierte. Und so hallt es „lang lebe der König“.

1. Gereinigt und einige Kilo erleichtert taucht dafür ein anderer auf, der in dicken Rauchschwarden, öligem Junkfood sowie alkohol- und drogentriefender Muffigkeit verschollen schien: Robbie Williams. In Anbetracht des physischen Schindluders der letzten Jahre befasst sich Mr. Williams folgerichtig mit den Themen Körper, Körperlichkeit und Verkörperung. And your Jesus really died for me, then Jesus really tried for me. Auferstanden in Dreifaltigkeit: I love living like a deity. Nun, Mr. Williams, es sei Ihnen gegönnt. Bodies klingt auf jeden Fall mehr nach Ihnen als das rüde gescheiterte Experiment Rudebox. Ein bißchen mehr Supreme und weniger Angel wäre mir persönlich zwar lieber, aber hauptsache man fühlt etwas dabei.

2. Wieder da ist auch Jochen Distelmeyer. Nach dem aus von Blumfeld legte sich allenthalben eine dicke Depression über die Gemütslage der Intelligenzia und Schöngeister. Eine wundervolle Stimme schien verloren, der leicht melancholisch-verkopfte Rock aus Hamburg am Ende. Doch nach Auflösung der Band konnte der Sänger wohl nicht aus seiner Haut und ergab sich dem tausendfach vorgezeichneten Weg einer Solokarriere. Gut so. Etwas muss aber in den letzten zwei Jahren an ihm  genagt haben: Wohin mit dem Hass? Was ne Frage zum Comeback. Etwas bemüht gereimt. Wie auch bei Blumfeld leicht unverständlich getextet, Viedeo aber recht passend. Nicht die Ansage. Nur gut, dass es weitere Lieder gibt. Vielleicht etwas zu auffällig im Widerspruch steht Lass uns Liebe sein. Wesentlich popiger und eingängiger geschrieben. So gefällt mir das.

3. Etwas beitragen möchte auch Pete Yorn. Dafür hat sich der bisher eher weniger und wenn überhaupt nur in der Indieszene bekannte Nerd – ganz im Sinne von die Schöne und das Biest – weibliche Unterstützung gesucht: Scarlett Johansson. Mit dem Langspieler Break up und der Single Relator machen sich die beiden recht flott und leicht retro auf den Weg, uns etwas über die Welt zu erzählen. Das sieht nicht nur nett aus, sondern hört sich auch ganz viel versprechend an. Nun darf sich der geneigte Leser fragen, wie der Junge Mann dazu kommt, mit Miss Johansson gemeinsam ein Tonträger machen zu dürfen? Ganz einfach, er hat davon geträumt und dann bei ihr angerufen. C’est la vie! Musikalisch ist Miss Johansson kein ganz unbeschriebenes Blatt, legte sie doch mit Anywhere I lay my head eine durchaus recht ansprechende Platte mit Tom-Waits-Interpretationen vor.

4. Erneut unterwegs, nur um festzustellen: Immer da wo du bist, bin ich nie, sind die Jungs von Element of Crime. Etwas in die Jahre gekommen, ein wenig abgerundet und schütter im Haar. Aber sie wissen immer noch, wo die Tube zum drücken ist. Sehr erfreulich, wieder etwas von ihnen zu hören. Wie immer abgebrüht im Text, die Musik mit etwas Schwung und im Ganze ne gute Untermalung für nen Tripp durch Deutschland. Schaunmermal, ob sie auch hier vorbeischaun.

5. Last, but not least: Tief Luft holen, Air geben sich die Ehre. Do the joy klingt wie immer bei unseren beiden Freunden aus Frankreich sehr sphärisch. Das Zimmer abdunkeln, die Anlage optimal auf den Raum einstellen, bequem sitzen und die Augen schließen. Wer braucht da noch Drogen? Da entstehen ganze Welten. Dafür haben Air wieder alles aus den Synthies rausgeholt. Neu hört sich das Ganze nicht an, aber gut.

Als Verheißung auf die Alben, machen alle fünf Singles Lust auf mehr. Bin gespannt, was die Platten rüber bringen. Potential ist da und vielleicht reihen sie sich in die Folge aus Music for men, Sounds of the universe, Invaders must die und all die anderen Meisterwerke dieses Jahres ein. Dann wird es wahrlich ein gutes Jahr.

mc

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Soundtrack

3 Antworten zu “Leben in der Bude

  1. Thomas Bartel

    Ein offener Brief,

    sehr geehrter Herr MC. Mit Bedacht verfolgte ich Ihre Aufstellung der vergangenen und kommenden Überraschungsalben des Jahres 2009/2010. Dennoch musste ich feststellen, dass ihnen trotz der musikalischen Größe, die Sie ohne Frage besitzen, ein paar Knaller (entschuldigen Sie den Slang) durch die Lappen gegangen sind. Um dieser, wahrscheinlich nur durch ein Versehen entstandenen Lücke, entgegen zu wirken, habe ich mich entschlossen die von Ihnen genannte Liste noch um drei Alben zu erweitern.
    Zum einen hätten wir hier das musikalisch-virtuose Trio aus dem schönen Teignmouth, Devon in Großbritannien. Nach den weltweit erfolgreichen Alben Showbiz, Origin of Symetry und natürlich Black Holes and Revelations, beglückten sie uns mit einem neuen Album, genannt: The Resistance. Ihnen dürfte klar sein, dass die Rede hier von Muse ist. Erneut schaffen sie es hinreissende Melodien gepaart mit klangintensiven Gitarrenrif‘s zu ergänzen, welche durch die kraftvolle Stimme von Matthew Bellamy noch abgerundet wird. Zahlreiche Klangbeispiele auf unterschiedlichen Musikportalen unterstreichen den Bandeigenen Status als einflussreichste und abwechslungsreichste Kombo, welche zurzeit diese Klangwelt bevölkert.
    Die zweite Band, die ich hier vorstellen möchte benötigt ebenfalls keine lange Vorstellung, da sie die Gefühle, Gedanken und Hoffnungen einer ganzen Generation musikalisch transportierten. Neben Alice and Chains, Nirvana und Soundgarten prägten sie ein eigenes Genre. Die Rede ist natürlich von Pearl Jam, den Urgesteinen des Grunge. Nach zeitweisen Ausflügen in die politische Melodramatik fanden sich die Mannen um Front- und Rampensau Eddie Vedder wieder zusammen und veröffentlichten vor kurzer Zeit das Album Backspacer. Die erste Single, dieses ohne Zweifel grandiosen Werkes, the Fixer, findet sich in den Top-Rängen der Alternative Charts wieder. Ein akustischer Abstecher lohnt sich auf alle Fälle, welche gerne auch durch Klassiker wie Yellow Leadbetter, Alive ,Brain of J (auch in der unplugged Version) und natürlich das beeindruckende Do the Revolution ergänzt werden können und wollen.
    Das letzte Album im musikalischen Trio Infernale hört auf den klangvollen Namen: In This Light And On This Evening. Diesmal erneut von einer Band von der Insel, um genauer zu sein: Birmingham. Die Rede ist von den Editors, die den Opener ihres Drittlingswerkes, Papillon tauften. Wie auch bei den Vorgängern, setzen sie erneut auf eine beeindruckende Vermischung von Rock und Pop Elementen. Und obwohl viele Combos diesem Muster folgen, schaffen es die Editors dennoch sich durch das gewisse Etwas von der grauen Menge abzusetzen. Man darf gespannt sein auf den 09.10.2009. Dann steht das Werk in den Regalen bei einem Musikdealer in ihrer Nähe.
    Ich hoffe dass diese Eindrücke Ihnen und Ihren treuen Blog- Fans ebenfalls gefallen werden. Ich verbleibe ehrfürchtig und harre auf weitere Berichte aus einer Stadt, die erst durch ihre Anwesenheit auf meiner Landkarte aufgetaucht ist.
    Lg. Thomas, aka. Jean Baptiste Emanuel Zorg.

  2. mc

    Wohlan werter Jean Baptiste,

    wir finden Ihre Ergänzungen durchaus trefflich und zwingend erforderlich. Schließlich weisen Sie zurecht auf drei große Werke dieses Jahres hin. Vergessen haben wir sie nicht, aber Zeit und Platz, sie ausgiebig zu würdigen, waren in den letzten Tagen schwerlich zu finden. Daher gebührt Ihnen großer Dank, da Sie sich vom Konsumenten zum Produzenten erhoben und zum Gelingen der Sache gehörig beitragen.

    Persönlich sei angemerkt, dass mir zunächst die Jungs von Muse am wenigsten Zusagen – nicht desto trotz verdienen sie hier Erwähnung. Ist schon eine runde Sache, aber eben nicht ganz die meine. Zweifelsfrei auf Linie liegen hingegen Eddie Vedder und seine Compangeros. Schönes Video übrigens, einfach und kraftvoll. Drüber liegen nur unsere Freunde aus Birmingham – auch am liebstens UK’s second city. Ihr Schmetterling rumort richtig in der Magengegend. Erinnerte mich in der Anfangssequenz ein wenig an Rabbit in your headlight, macht aber wesentlich mehr Druck. Feine Sache das.

    mc

  3. Pingback: Back to the future « BlogRockingBeats

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