When we were young part I

Waren die Neunziger wirklich so scheiße? Ja.

Wie anders soll dieses Jahrzehnt bewertet werden: Das mit dem Bersten des Eisernen Vorhangs, dem Gewinn der Weltmeisterschaft und der Wiedervereinigung zwar verheißungsvoll begann, im Weiteren  aber weniger erfreulich verlief. Blühende Versprechen hinterließen Mondlandschaften, Kaiser irrten und hinterm Schleier aus Stahl, Beton und Maschendraht wartete eine arg bleierne Zeit:

Es waren die Tage von Vollpfosten wie Peter-Michael Distel, Lothar de Maizière und Günther Krause auf der einen sowie Theo Weigel, Jürgen Möllemann und Martin Bangemann auf der anderen Seite. Ab 93 sorgte dann noch ein Kanther für Recht und Ordnung und die Opposition bot ein Trauerspiel. Politisch wurde es nur erstligareif, wenn mit Pauli und Freiburg auch der Kanzler und Scharping aufeinander trafen. Kohlrübenzeit bis 98.

Die EM 92 grandios gegen jene, dänen man es gönnt, vergeigt, 94 mit nem Stinkefinger den kürzeren gegen die Bulgaren gezogen und 98 keinen richtigen Tritt gegen die Kroaten gefunden. Einzig 96 mit Lord Eilts die EM geholt – eben! Ein Ausrutscher mit Föhnfrisur. Fünffinger Rolf, der Grüne Punkt und die Festnahme von Dagobert taten ebenso ihr Übriges zum Mißlingen der Dekade wie verschiedene Genozide in Ruanda, Bosnien und im Kosovo sowie die zu frühen Tode von Freddie Mercury, Kurt Cobain, Tupac, Biggie, Michael Hutchence und so manch anderem. Ein Jahrzehnt als Griff ins Klo? Ja. Kein Ausrufungszeichen nötig. Gleichwohl ist ein ABER angebracht:

Aber

Zwar verstopften Techno-Jünger, Trance-Schranzer und Euro-Dancer* die Kanäle der Popkultur und trugen so nicht zur Qualitätssteigerung bei, grandiose Musik, brillante Filme, befreiende Happenings und sogar einige politische Lichtblicke gab es dennoch. So traurig und erschütternd der vor seiner Zeit erfolgte Abgang Freddie Mercurys war, so mächtig und sich einbrennend war die Würdigung der Branche für einen ihrer Größten.

Elton John – The show must go on

Guns and Roses – Knocking on heavens door

David Bowie and Annie Lennox – Under Preasure

Extreme – Love of my life

Metallica – Enter Sandman

George Michael – Somebody to love

Seal – Who wants to live forever

Lisa Stansfield and George Michael – These are the days of our lives

Liza Minelli and all stars – We are the Champions

More…

Vieles muss dagegen einfach klein wirken. Im Nachgang der spektakulären Huldigung fragte die London Times nicht ganz unberechtigt, wie wohl Freddie himself mit Bühne und Setting des Tribute-Konzerts umgegangen wäre. Schließlich war der Mann wohl einer der größten Live-und-Stadion-Performer überhaupt. Ein adäquater Nachweis sei folgendes Beispiel von der Kind-of-Magic-Tour in Budapest:

Lange gesucht, nun endlich gefunden! Queen und Freddie Mercury spielen das traditionelle ungarische Lied „Tavaszi szél vizet áraszt“ bei ihrem 86er Auftritt in Ungarn. Ein wahrlich magischer Moment, der ganz tief Wurzeln gefasst hat. Das ganze Konzert ist Dank Oberon1966 auf Youtube zu bestaunen.

God save the queen!

mc

————————————————————————–

* Auf all die Technoheads, Modos, HP-Baxters, Westbams, Dr. Mottes, Marushas, Dunes, LaBouches, Erotics, Masterboys, Mc Sar & the Real McCoys, Captain Hollywood Projects, Mr. Presidents, Captain Jacks, 2Unlimeteds, Dr. Albans, Magic Affairs und die nicht zu vernachlässigenden DJ Bobos möchte ich hier aus Gründen des guten Geschmacks nicht eingehen. Interessenten an näheren Umständen der Geschmacksverirrung sei die Recherche via Google, Youtube und Wiki sowie der Besuch eines Arztes mit tiefergehenden Kenntnissen in der Heilkunde für die menschliche Seele empfohlen.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Soundtrack

Eine Antwort zu “When we were young part I

  1. Und wieder einmal ist der MC vorne mit dabei, wenn es darum geht überhaupt noch irgendeinen Sinn aus dem Ganzen zu machen.
    Ich sitze vor dem Rechner und schreie laut, Recht hat er der Mann!, warum er aber sein Dasein in der südlichsten aller Großstädte fristet statt dieses Land oder wenigstens einen Musiksender zu übernehmen bleibt ein Rätsel.

    Mein Beitrag zu den 90er wäre nur, das ich am Ende des Jahrzehnts in eine kleine aber feine Stadt an der Saale wechselte und alles weitere….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s