When we were young part II

Es ist ja nicht so, dass die Neunziger nur musikalisch einige Grausamkeiten zu bieten hatten. Nein, auch via Television erbrach sich mancher Schund in die Kinderstuben der MTV Generation.

Da waren wenig gute, dafür viele schlechte Zeiten: Nach Krachern wie den Engeln und Harts, aber auch nach dynastischen und maritimen Abscheulichkeiten brannte Aaron Spelling zuerst Beverly Hill 90210, dann Melrose Place und gegen Ende der Decade auch noch Charmed auf die Mattscheibe. Doch nicht nur Geschmacklosigkeiten aus dem Land der Burger und Einfältigen tropften in jenen Tagen aus den elektrischen Lagerfeuern. Anfänglich noch pupertierend entblößte das Privatfernsehen zunächst erst die Oberweite der Nachbarin, nur um recht bald das gesamte Seelenleben frei zu legen: Nicht jeder durfte sich dafür abends auf den heißen Stuhl begeben. Bildungsfernere Bevölkerungsgruppen habe ja schließlich auch während der Primetime fürs Absurde und Uninteressate zwischen zehn und 17 Uhr Platz im Terminkalender.

Erst spät setzte sich der schon Mitte des Jahrzehnts gebrauchte Begriff des Unterschichtenfernsehns für derartige Umtriebe durch, zu denen auch die Ersatzfamilie im Serienformat zählte. Die Liebe ist seit dem entweder verboten, drückt sich in schäbigen Kulissen des muffigen Marienhofs rum oder ist mitten unter uns, alles was zählt.

Dass sich der Markt nicht selbst regelt, ist aktuell eine gern vernommene Plattitüde. Anfang der Neunziger galt der deregulierte Basar der Massengüter aber als goldenes Kalb. Die Babyboomer fröhnten samt ihrer verwöhnten Brut den Versprechungen eines Weltdorfes eingedenk einer auf Kaffgröße verwobenen Wirtschaft. Hier und da wurde vom Ende der Geschichte geträumt. Gerade erst war der als antifaschistischer Schutzwall getarnte Eiserne Vorhang seiner eigentlichen Bestimmung entgegengerostet, da nahmen sich die eben noch in grau und mief eingepferchten Menschen ihre Freiheit und setzten sich brav vor den Televisor. Und weil viele aufgrund einer 40 Jahre währenden Kollektivierung kaum geistiges Eigentum besaßen, fiel die Wahl dabei auf Privatsender.

Spot aus, Lichtblicke an

Wo Schatten ist, da scheint auch irgendwo ne kleine Funzel. Beim Blick in die Ferne, waren die Tage dennoch zunächst häufig trostlos : Zwar fahndet Faber noch bis 1993 nach großen Haien und kleinen Fischen, aber der Ede nahm meist vergeblich vorm Schutzmann Reißaus. Matthies hatte das Ruder übernommen und Schwarz kam nicht annähernd gut an. Im Privaten verloren auch Hannibals Mannen deutlich an Charme, Werbepausen zerstörten die nächste Generation und Gordon Shumway entblätterte sich nach der öffentlichrechtlichen Erstausstrahlung bald in der kommerziellen Zweitverwertung seiner Witzigkeit. Klare Regeln hätten auch hier Schlimmeres verhindern können. Freiheit vermochte durchaus Angst zu machen, schickte uns aber auch die gelbe Gefahr.

Soviel popkulturelles Einfühlungsvermögen, Sozialkritik geboren aus konservativer Dekadenz, einfach großes Kino im Flimmerkasten und das bei einem profitorientierten TV-Sender. Nun, nicht ganz. Die Älteren werden sich erinnern: Der Anfang für die Simpsons in Deutschland lag im Staatsfernsehn. Mit dem Zweiten sah man damals wirklich besser – aber das ist lange her.

Wie sehr das gelbe Springfield mit der Zeit vor der Jahrtausendwende verbunden ist, zeigt Matt Groening häufiger. Am eindrücklichsten wohl aber mit der wunderbaren Folge „Die wilden 90er„.

Die Jungs haben’s echt drauf! Hier das Original, der besondere Humor erschließt sich dem Kenner:

Nun denn, auch wenn sich gestige Armut über die Mattscheiben geradezu ergoß, es gab auch große TV-Momente: Immerhin lief Schmidteinander, Dieter Moor grüßte uns in Canale Grande mit „Hallo, Zielgruppe!“ und insgesamt flimmerten gleich fünf Musiksender via Äther in den heimischen Wohnsalon. MTV hieß Europe und war very british. Ray Cokes unterhielt auch bei geringem Verständnis prächtig und das Proletentum feierte nur als Beavis und Butt-Head fröhliche Urstände. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass damals Kristiane Backer peinliches Berührtsein verursachte, so wünsch ich mir in Anbetracht der zwischenzeitlichen televisionären Auflösungserscheinungen jene Zeiten mit tiefer Inbrunst zurück.

Vielleicht doch ganz wunderbare Jahre


Nicht vergessen, woher du kommst.

mc

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