Back to the future

Nun, es gehört zum guten Brauch des sozialen Netzes, dass es Elefanten nicht ganz unähnlich nur Weniges vergisst. Wäre dem nicht so, sondern eher wie zum Beispiel Orwell es beschrieb in 1984, – aus dem Auge, aus dem Sinn – dann stünde hier nicht die Revision einer vor einiger Zeit kundgetanen Meinung:

Persönlich sei angemerkt, dass mir zunächst die Jungs von Muse am wenigsten Zusagen – nicht desto trotz verdienen sie hier Erwähnung. (Archiv)

Der kürzliche Griff ins Plattenregal des freundlichen Fachhändlers um die Ecke, drängte postwendend zum Halswenden. Bin ein Fähnlein im Wind, und der drückt beim angesprochenen Machwerk mächtig in eine andere Richtung. Widerstand zwecklos!

Muse – The Resistance

Umzu verstehen, was sich Matt Bellamy und Konsorten bei diesem elegischem Opus gedacht habe, müssen wir Zurück in die Zeit, in der wir nur die Aufgabe hatten, zu unserer Zunkunft zurückzukehren: Mitte der 80er. Die Eiserne in Downingstreet No. 10, am Himmel drohte saurer Niederschlag, Fallout brezzelte aus Richtung Osten und die Welt rüstete für ihren Untergang. Nicht zum Trotz, sondern vielmehr aufgrund brach sich zügelloser Hedonismus an der Mauerstraße und in der Popwelt Bahn. Die größten Konzerte, die meisten Zuhörer, Tage, Nächte hinternander ausverkauft. Rockmusik wie Mozart sie geschrieben hätte. Eine ihrer Prophetinnen war die Band Queen. Mit bombastischen Sounds zeigten sie wo der Hammer hängt. Schließlich musste es ja weiter gehn.

Anstatt Drogen und teurer Autos und schneller Frauen, scheinen sich die Musen in Vorbereitung auf ihre Widerstandslieder mit jener Epoche eingehend befasst zu haben. Die Bezüge jedenfalls zu 1984 sind unverkennbar, auch die Dramatik in Wort und Klang gemahnen an Miss Thatcher, Bergabeiterstreik, Wettrüsten, Reagan und Ost-West-Konflik – eben an jene Tage, in der die Geschichte noch kein Ende gefunden hatte.

1. The uprising

Gleich der Opener zeigt, wo der Hase läuft:

The paranoia is in bloom,
The PR transmissions will resume,
They’ll try to push drugs to keep us all dumbed down,
And hope that we will never see the truth around,

SO COME ON!

Nur wenige Zeitgenossen der 80er Jahre, die nicht bei Tory, Pershing, Ozonloch, Arbeitslosigkeit und Kohl ein ungutes Gefühl in der Magengegend hatten, hätten diesen Zeilen zur Beschreibung ihrer Umwelt etwas zuzufügen gehabt. Wir wollen Sonne statt Reagan! Mit Soma ins Karmakoma, oder so. Um die Sache noch ein wenig mysteriöser zu machen, bedienen sich Muse ganz eindeutig bei der 80er-Jahre-Straßenfeger-Serie Doctor Who.

Ganz eindeutig 80ies! Ob Fräulein Deckner in ihrer Kritik in der ME Ausgabe vom Oktober 2009 deshalb so grob mit den Feingeistern aus Britannia umgeht?

Muse haben keine einzige eigene Idee außer der, wie Gott klingen zu wollen. Doch Monstrosität ist nicht gleich wahre Größe. […] Beendet wird die Pathos-Posse mit einer Symphonie in drei Teilen. Freuen wir uns schon aufs nächste Album, das vermutlich Titel wie „How I saved the world in three minutes with my giant penis“ tragen wird. (ME, 10/09, S. 130)

Verspüren wir da einen gewissen Neid, Fräulein Deckner? Sicher, es kommt vielleicht ein wenig spät, schließlich ist das 80er-Revival schon im überschwappen zur Belebung der 90er Jahre. Klar, da is Lady Gaga natürlich besser als Radio Gaga! Aber wo genau Miss Understanding bei diesem Song die, von ihr in der selben Kritik angesprochenenen, größeren Bezüge zu Master and Servant hernimmt? Man weiß es nicht.

2. Resistance

Die Aufforderung zum Widerstand ist nicht zu überhören. Doch vorsicht: You’ll wake the thought police! Eindeutig Orwell und so wenig sich der Ruf nach einem Clampdown ignorieren lässt, so wenig können Parallelen zu Lloyd Webber verneint werden. Das klingt eindeutig nach dem Schmachtfetzen von 86. Love is our resistance! Auch wenn es insgesamt etwas überfrachtet wirken mag, das Stück hat etwas. Und zu viel von allem, Sound, Volumen, Instrumentierung und Vocals ist doch genau passend um der Königin zu huldigen.

3. Undisclosed desires

Gibt der zweite Song von The Resistance noch die Begründung für den zu leistenden Widerstand:

Is your secret safe tonight?
And are we out of sight?
Or will our world come tumblin‘ down?
Will they find our hiding place?

Zeigt nummer drei, wohin es gehen soll:

I know you’ve suffered
But I don’t want you to hide

Also bloß nicht verstecken, denn:

I want to reconcile the violence in your heart
I want to recognise your beauty’s not just a mask
I want to exorcise the demons from your past
I want to satisfy the undisclosed desires in your : heart

Mit großartigem Pathos, fancy Sound und dem richtigen Timing, bruzzeln Muse mit diesem Lied einen grandiosen Popsong auf ihre Widerstandsplatte. In Form und Klangfarbe entspricht er zwar nicht ganz der großen Linie, der sie in ihrem Werk folgen, doch hier geht es um Musik-Design vom feinsten – form follows function! Da darf’s halt auch schon mal popig-zeitgemäß durch die Clubs schallen. Dazu ist von Madmoiselle Deckner aber nix zu hören. Schade, hat wohl nicht ins Konzept gepasst.

4. United States of Eurasia (+Collateral Damage)

Die Lösung? Eurasia! United States of Eurasia. Aha. Ziemlich monumentales Kerlchen. Wie lässt sich Signoria Deckner noch gleich über das Stück aus?

Der Sound dazu klingt so, wie sich Cindy aus Marzahn Musik mit einer Message vorstellt: In United States of Eurasia poltern die Drums bedrohlich (böse), während arabische Klänge 1001-Nacht-Klischees (gut) heraufbeschwören. Ralph Bellamy [Das steht da wirklich so!!!! Zeigt wohl, welch Sorgfalt herrscht, A.d.MC] heult dazu, als steckten ihm noch die Granatsplitter im Bein. Nebenbei richtet er den Queen-Klassiker „We are the Champions“ hin.

Nun, wir wollen Senhorita Deckner wenigsten zwei Dinge zu Gute halten: Immerhin hat sie die arabischen Klänge und die Bezüge zu We are the Champions ausgemacht. Jedes Huhn findet mal…. Gut, es ist vielleicht etwas vermessen von Bellamy, Brzezinski in einem Pop-Lied unterbringen zu wollen. Auf das erste Hören mag es auch verstören: Europa und Asien als Gegengewicht zu den USA? Politisches Liedgut. Lang lebe die internationale Solidarität! Warum schreiben die Jungs nicht gleich ne Hymne für die Junge Union?!? Gottseidank hat sich David Gadze vom ME mit Muse unterhalten (ME, 10/09, S. 40) und: Ironisch gebrochen soll das sein? Mensch, da wärn wir aber nie drauf gekommen. Außerdem scheint der Flurfunk bei den Kings of Leonrodstraße im Faraday’schen Käfig wie manch anderes zu verkümmern. Auch wenn Senorita Deckner We are the Champions erkennt, scheint ihr Wissen in punkto Queen nicht ganz profund zu sein: Schließlich vergißt sie die Reminiszenzen an Bohemian Rhapsody und Live and Let Die von den Wings vergessen.

5. Guiding Light

Hier bekommen wir die formschöne Handlampe, um uns den Weg durch die Nacht zu bahnen. Die Eröffnungssequenz gemahnt wieder stark an die Königin des Rock und…lange hat’s gedauert, aber es dann wars doch noch da: Wien!

This track is about a troubled relationship and is influenced by 1980s cheesy stadium rock! There is a guitar solo with a deliberate screaming harmonic. These types of harmonies have been banned from rock music for at least 18 years, possibly longer (www.musewiki.org).

Ein bißchen November Rain dazu gemischt und ab geht’s für ne Markfuffzig! Lässt sich im übrigen ganz sympathisch im Zweiklang mit dem Tracktorstrahl von den Veils hören.

6. Unatural Selection

Another chance to erase then repeat it again! Bellamy ist hungrig und zündelt: Sie werden uns auslachen, während wir zu Grunde gehen. Die Glückskinder kümmern sich einfach nicht darum! Von wegen Schicksal! Doch die Musen bleiben unentschlossen:

I wanna push it beyond a peaceful protest
I wanna speak in a language that they will understand
Dedication to a new age
Is this the end of destruction and rampage?

Sie hätten dazwischen grätschen sollen, erklären dennoch wieder nur den Lauf der Dinge und verharren in der Analyse: We’re not droplets in the ocean. Doch! Und es ist edler im Gemüt, sich gegen eine See von Plagen waffnend im Widerstand zu enden! Mitunter hätten sich Bellamy & Co. munter von der Vorlage für ihr Prachtstück inspirieren lassen sollen. Immerhin fordern ABBA in Lay all your love on me bedingungslose Liebe und drohen mit übelster Eifersucht! Da kann Bellamy noch so sehr nach Wahrheit schreien, schließlich geht die als erstes zu Grunde! Nein, das kann nicht das Ende der Auseinandersetzung sein – sondern genau hier muss es losgehen! Trotz dieser kleinen Fehlinterpretation – counter balance this commotion – der Dialektik und des analytischen Verharrens fällt die Wahl nicht wider der Natur auf dieses Werk: Schließlich ist es musikalisch äußerst vielschichtig. Ein wenig Queen, viel Super-Trouper, etwas Serj Tankian und sehr schön der bierdunstige Hey-Chorus à la Iron Maiden.

7. MK Ultra

CIA, Gedankenkontrolle, Paranoia und klare Bezüge zu Orwell: All of history deleted with one stroke.

The state that emerges at the end of history is liberal insofar as it recognizes and protects through a system of law man’s universal right to freedom, and democratic insofar as it exists only with the consent of the governed. (The End of history)

Doch das Einverständnis ist teuer erkauft: TV, Radio, Zeitung, Meinungsmache und  Gehirnwäsche. Volksverdummung, Unterschicht und bildungsfern. Lehn dich auf: Dramatische Verwirbelung schwerer Riffs, etwas bei Slash geklaut und die Frage: How much deception can you take? Die Analyse, wie gesagt, ist stichhaltig. Der Sound ist treibend. Antreibend? Folgt aus Widerstand Revolution?!?

8. I belong to you (+Mon coeur s’ouvre a ta voix)

Kein Zweifel: Wenn alle Schlachten geschlagen sind, die Säulen der Erde abgebrochen, dann bleibt nur eines:

I’ve traveled half the world to say
„I belong to you“

Mein Herz öffnet sich deiner Stimme: Bellamy & Co. finden leicht geht einfach zu simpel. Also tragen sie die Erinnerung an ihre Heldentaten vor dem schweren Mantel von Camille Saint-Saëns Samson und Delilah: Ein wenig Chuzpe gehört schon dazu, aber die haben alle drei und deshalb zitieren sie sich gleich mal selbst:

How much pain has cracked your soul?
How much love would make you whole?
You’re my guiding lightning strike

und noch unverschämter:

I can’t find the words to say
When I’m confused
I’ve traveled half the world to say
„You are my mu…“

Alles in allem aber sehr gewinnend.

Exogenesis: Symphony

9. Part 1: Overture

10. Part 2: Cross Pollination

11. Part 3: Redemption

Platte auf der Platte? Klar, wenn schon denn schon und oben einsteigen. Warum also nicht gleich noch ein symphonisches Denkzeichen aufs Vinyl gebrannt. Und bereits vorher hatte es Mr. Bellamy angekündigt:

I’d like to do at least one 15-minute space-rock solo. (NME)

Aber ohne Tiefgründigkeit? Nee, das geht nicht: Also schnell noch ne populäre Theorie ausgepackt: Exogenese. Demnach stammt das Leben aus einer anderen Region des Alls und hat sich von dort aus bis auf die Erde ausgebreitet. Zusätzlich noch Rachmaninov, Strauss, Chopin und natürlich Pink Floyd ins Feld führen und schwups: 13 Minuten Klassikrock vom Feinsten. Die Story: Die Geschichte der Menscheit endet – ziemlich trauriger Abschluss des Widerstands, Mr. Bellamy – die ganze Hoffnung ruht auf einer Gruppe von Kosmonauten, die ferne Welten erkunden, die nie ein Mensch zuvor betreten hat, um das menschliche Leben auf einen anderen Planeten zu tragen. Part I gibt wenig Anlass für Positives – Trapped in God’s programm – oh, I can’t escape. Im zweiten Teil bleibt lediglich das verzweifelte Bangen auf die Crew der USS. Drittens realisieren die Weltraumfahrer aber, dass sich der Kreislauf fortsetzen, dieselben Dinge immer wieder – egal wo – geschehen würden.

Abschließendes Urteil: Vielleicht viel gewollt, aber auch viel gekonnt.

mc

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